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Willst Du eine Erkrankung behandeln, so finde ihre Wurzel, sagt Qi Bo


(Im Neijing Su Wen, zu Deutsch: Klassiker des gelben Kaisers zur Inneren Medizin, diskutiert der Gelbe Kaiser mit seinem Leibarzt und Minister Qi Bo über die Ursachen, die für Leben und Tod ausschlaggebend sind.)

Gesundheit und Erkrankung

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Die Konstitution eines Menschen wird laut der chinesischen Medizin durch die San Bao gebildet: Jing, Qi und Shen. Diese drei Begriffe definieren die körperliche und seelische Struktur des Individuums und hängen untrennbar eng zusammen:
Jing ist die materiellste,
Qi ist feiner und
Shen die feinstofflichtste Energie der drei.

Jing bringt die beiden feinstofflicheren Energien Qi und Shen hervor. Qi ist feiner als Jing, aber materieller als Shen. Qi nährt, wärmt, schützt und stützt den Körper und die Seele. Shen ist das Bewusstsein.

Durch Qi und Shen kommt es zur Wechselwirkung zwischen Physis und Psyche. So ist Shen auch ein Aspekt des Qi. Ein anderer Aspekt des Qi wird dagegen als nachhimmlisch erworbene Nahrungs- und Atmungsenergie auch als nachgeburtliches Jing bezeichnet. Das Zusammentreffen als Jingshen entspricht dem Antrieb und der Vitalität. Jingshen gebiert das Yuan-Qi.

Unter dem Begriff des vorgeburtlichen Jing verbirgt sich zum einen die genetische Struktur, aber auch das Potential im spirituellen Sinne, wie auch in den verschiedenen Systemen als Urverteilung der Elemente niederschlägt, sei es im chinesischen Sinne, als Elementveranlagung nach Jung oder als Dosha-Veranlagung im Ayurveda. Auch das Geburtshoroskop ist ein Spiegel für dieses angeborene Potential. All diese Systeme sagen nichts darüber aus, wie sich der Mensch in Zukunft entwickeln wird, sondern drücken die Stärken und Schwächen aus, die wiederum die Möglichkeiten im Leben bestimmen. Was der Mensch aus seinem Potential macht, liegt in seiner Hand. Oder wie Dr. Shen dies seinen Patienten gegenüber auszudrücken pflegte: "Your problem is your life!"

Lebt nun jemand im Einklang mit seinen Bedürfnissen, haushaltet mit seinen Kräften, pflegt Körper, Geist und Seele (damit also sein nachhimmlisches Jing), gleicht dies auch eine schwache Konstitution (vorhimmlische Jing) aus. Oder anders ausgedrückt zeigt sich hier in den Lebensumständen schon ein wichtiger Faktor für die Entstehung von Krankheit, sei es durch eine ausschweifende, ungesunde Lebensweise, oder auch das Ausgezehrtwerden durch Stress aus der Umwelt.

So ist Krankheit zu verstehen als eine Disharmonie im Spiel der Kräfte und Substanzen des Lebens, die im steten Wechsel gebildet und verbraucht werden. Auf Dynamik folgt Regeneration, auf Anspannung Entspannung, auf Aktivität Ruhe. Der gesamte Organismus unterliegt im Ideal einem stetigen Fliessen der Energien und des Blutes. Kommt es zu einer Schwäche, können die elementaren Funktionen an einer Stelle nicht mehr aufrecht erhalten werden. Dies führt zu weiteren Disharmonien, die wiederum Folgeerscheinungen nach sich ziehen. Das Symptom selbst ist ein Hilferuf an das Bewusstsein, d.h. jede Krankheit birgt so auch einen spirituellen Aspekt.

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Ben und Biao, Wurzel und Zweig-Konzept

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Der Heilungsprozess kann somit als eine Verminderung an Disharmonie, resultierend einem Gewinn an Gesundheit, angesehen werden. Die Aufgabe der Medizin ist es zum einen Symptome zu lindern, zum anderen, das verlorene Gleichgewicht in seinen individuellen Verhältnissen zu rekonstruieren.

Die chinesische Medizin kennt nun das Konzept von Ben und Biao, der Wurzel und dem Zweig (oder der äusseren Manifestation). Je nach Zusammenhang erhalten diese Begriffe ihre Bedeutung. Das erste bemerkbare Symptom kann ein Ausdruck der Wurzel sein, Biao wären dann die Folgesymptome. Oder sei Ben eine chronische Erkrankung, auf der sich akute Schwierigkeiten als Biao aufsetzen. Dem chinesischen Denken sind die kausalen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung im einander ausschliessenden Sinn fremd. Je nach Perspektive kann das eine auch das andere einschliessen, analog dem Verständnis von z.B. Yin und Yang.

Auch wenn nach Möglichkeit das Übel an der Wurzel gepackt werden sollte, gilt dennoch, dass häufig erst die Symptome gelindert werden müssen, um den Patienten auf einen umfassenden Heilungsprozess vorzubereiten. Der Therapeut bekommt oft genug erst dann einen klaren Eindruck vom Ursprung der Erkrankung, wenn die Diagnostik nicht mehr von den vordringlichen Biaos überlagert wird. V.a. pathogene Faktoren überlagern gerne das Gesamtbild und überlagern durch ihre Fülle die eigentlich zugrundeliegende Leere.

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Qi Bo sagt: Um Akupunktur wirksam einsetzen zu können, muss man zuerst den Geist heilen

Körper, Geist und Seele werden von allen Ansätzen holistischer Medizin, ob westlich oder östlich, als untrennbare Einheit angesehen. Sie stehen untereinander in Wechselwirkung, die länger andauernde Beeinflussung des einen zieht unweigerlich eine änderung der anderen mit sich. Und dennoch sind sie einerseits zwar gleichberechtigte Partner, aber dennoch einer Hierarchie unterworfen.

Qi Bos Spruch lenkt den Blick zuerst auf den Geist. Bedeutet dies, dass die Wurzel einer krankmachenden Imbalance auf der Geist-Ebene zu finden ist?

Doch was versteht die chinesische Medizin unter "Shen/Geist"?

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Dieser philosophische Begriff ist nicht leicht zu erfassen. Der Geist ist der ewige Aspekt unseres Seins, der sich als Seele in unserem Sein für die Dauer unserer irdischen Existenz inkarniert. Dieser inkarnierte Geist lässt sich wiederum in verschiedene Aspekte oder Unterseelen differentieren.

Maccioccia, als Vertreter der eher weniger spirituell ausgerichteten TCM, schreibt, der Zustand des Geistes sei vor allem ein Resultat des Zusammenwirkens von Jing und Qi. Jingshen bedeute Bewusstsein und demonstriere die Interaktion und Integration von Körper und Geist, die typisch für die chinesische Philosophie sei. Jingshen könne dann auch Kraft, Vitalität und Antrieb bedeuten, allesamt Eigenschaften, die nur bei gleichzeitiger Gesundheit und Stärke von Jing und Shen bestehen können.

Hinter Shen verbirgt sich mehr als nur der Intellekt, sondern es drückt die ganze Sphäre emotionaler, mental-intellektueller und spiritueller Aspekte des menschlichen Wesens aus und umfasst nicht nur das Herz, sondern die äusserungen aller anderen Organe, v.a. der Yin-Organe, der Zang (Maccioccia, Die Grundlagen der Chinesischen Medizin, Wühr-Verlag).

Die Physis wird von der animalischen Geistseele P'o gesteuert, dem Ausdruck der Lunge. Die Hun--Seele der Leber kontrolliert das bewusste und unbewusste Denken, die Yi-Seele der Milz dagegen die Reflexionsfähigkeit. Unter Zhi der Niere verstehen die Chinesen die animalische Willenskraft. Shen als Aspekt des Herzens stellt das göttliche Bewusstsein dar. Und alle gemeinsam sind der Ausdruck von Shen, dem Geist des Menschen.

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Qi Bo sagt: Gute medizinische Heilkunst gleicht einem Leuchtfeuer

Qi Bo sagt:

"Akupunktur wirkt so:
wenn Lebenskraft und Lebensenergie des Menschen nicht dessen eigenen Willen antreiben, kann seine Krankheit nicht geheilt werden...
Wie kann dann eine Krankheit geheilt werden, wenn im Körper keine geistige Kraft mehr vorhanden ist?"

Und weiter vergleicht Qi Bo die gute medizinische Heilkunst mit einem Leuchtfeuer:

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Diese Zitate beleuchten, wie wichtig die Behandlung auf der geistigen Ebene ist, um so Einfluss auf die körperliche Ebene nehmen zu können. Nicht der Arzt heilt den Patienten, sondern der eigene Lebenswille des Patienten heilt ihn selbst. Die Therapie des Arztes zielt also darauf, die selbstregulierenden Kräfte im Patienten zu aktivieren, um so auf allen Ebenen die Imbalance auszugleichen.

Diese Idee ist der Kern von Behandlungskonzepten wie Worsleys System, das letztlich auf der japanischen Meridiantherapie basiert. Die Wurzel-Behandlung ist auf die grundlegende Dysbalance des Patienten gerichtet, die ihm bereits zum Zeitpunkt der Geburt in die Wiege gelegt wurde und seine grössten Stärken als auch Schwächen ausdrückt. Unter Berücksichtigung der Yin-/Yang-Theorie und der Therorie der fünf Wandlungsphasen werden Probleme der Qi-Zirkulation in den Jingluo identifiziert und korrigiert. Der gesamte Organismus wird sich daraufhin selbst korrigieren, die körpereigenen Selbstheilungskräfte werden aktiviert, so dass sich auch die Funktion auf der körperlichen Ebene, die Funktion der ZangFu, letztlich wieder normalisieren kann.

Ganz klar sei hier festgestellt, dass auch die symptomatische Behandlung in diesen Systemen von Bedeutung ist. Die symptomatische Behandlung sollte in keinem Fall vernachlässigt werden, wenn auch in einigen wenigen Fällen die Wurzel-Behandlung allein ausreichend sein kann. Nur hat die Wurzel-Behandlung oberste Priorität in der Reihenfolge der Therapie, denn ohne sie wird die symptomatische Behandlung weit weniger effektiv und dauerhaft sein. Sie bildet die Grundlage für eine wirksame symptomatische Therapie.

 
   

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